Marmeladenglas-Tag

Mein Gesicht wird durch die Sonne gewärmt. Obwohl ich meine Augen noch geschlossenen habe, sehe ich schon, wie hell es draussen ist. Blinzelnd versuche ich etwas zu sehen und erkenne schemenhaft die Umrisse der Wiese und Tannen, die sich vor mir wie ein Bühnenbild zeigen. Meine Nasenspitze ist kalt und sagt mir, dass es erst früh morgens ist und die Kälte der Nacht erst vor wenigen Minuten der Sonne gewichen ist. Langsam schäle ich mich aus dem Schlafsack und öffne die Bustür – unser Zuhause to go. Kühle Herbstluft streicht mir entgegen und bringt den Duft von nasser Erde und frischen Laub ins Innere. Tiefe Atemzüge, nochmals der Sonne entgegenblinzeln, sich strecken und sich dann langsam dem Tag widmen. Ganz in Ruhe.

Hinten im Bus krame ich die Herdplatte, das Kaffeepulver und die Kanne hervor. Frisches Wasser muss erst geholt werden. Nach ein paar Minuten steigt langsam der Duft der Wiederauferstehung aus der Kaffekanne und ich warte geduldig auf das Blubbern, dass mir sagt, das die Kanne fertig ist mit ihrer Arbeit. Die Wiese unter meinen Füssen ist noch ganz feucht und von den Stühle, die gestern draussen geblieben sind, tropft der Raureif. So wird das letzte, unverbaute Stückchen Kofferraum zur Sitzgelegenheit.

Tagsüber waren wir Wandern. Mit zerlatschten Füssen trotten wir dann abends zurück in Richtung unseres Busses und freuen uns auf Spaghetti mit Pesto – das gibts 3 mal pro Woche in unserem Bus und schmeckt immernoch! Nach dem Duschen richten wir dann alles fürs Abendessen, als es plötzlich beginnt zu regnen. Nach einigen nicht so netten Worten an das Wetter gerichtet, steht die Spaghettipfanne im Bus und ich mit der Regenjacke draussen. Zum Glück gehen Spaghetti ganz schnell und heute sogar extra al dente, bevor meine Schuhe den Kampf gegen die Pfützen verlieren. Nach dem das Essen auf dem Teller ist, sitzen wir wie zwei buckelige Kobolde mit gesenkten Köpfen im Bus und essen. Der Regen klopft weiterhin fröhlich auf unser Dach, das uns trocken hält. Den Abwasch losen wir aus, damit nur einer in die Kälte raus muss.

Schlussendlich müssen wir beide fürs Zähneputzen doch nochmals raus. Mist. Zurück im Bus, kuscheln wir uns dann in die Schlafsäcke. Draussen ist es schon dunkel und die Natur sagt uns mit rauschenden Bäumen gute Nacht. Nach zwei Kapiteln meines Buches bin ich plötzlich so müde, dass ich kurzerhand einschlafe. Das leise Klopfen der Regentropfen und den Gutenachtkuss merkte ich schon nicht mehr…

Schwesterherz

Die Musik war ganz laut aufgedreht und unsere Stimmen schwangen in dem kleinen Opel umher. Die hohen Töne erstickten in den oberen Rängen der Notenlinien und die tiefen brummelten mehr wie ein stotterndes Mofa aus der Oberstufe. Doch wir sangen sie alle mit – alte Lieder, die meine Schwester und ich von unseren Eltern geerbt hatten und neue Lieder, die mit dumpfen Bass von Reisen und Wehmut erzählen. Zwischen Backstreetboys und Philipp Dittberner quatschten und sangen wir uns quer durch Seele, Hirn und Herz.

Der Bass dröhnte durch die Boxen als wir das Fahrverbot dann unabsichtlich (!) passierten. Die Stirn der Strassenarbeiter war kraus gezogen, als wir mit einem um Verzeihung bittenden Lächeln an ihnen durch die eigentlich gesperrte Strasse vorbeituckerten. Lachend drehten wir die Musik wieder lauter und ich merkte, das meine Stimme langsam bröckelig wurde. Als dann aber die Gitarre die ersten Töne von ,save tonight‘ spielte, hatte ich das schon wieder vergessen.

Diese 4,5-Stunden-Autofahrt mit meiner Schwester waren der Beweis, dass sich in all den Jahren alles geändert hat und sich doch alles noch genau so anfühlt wie damals. Ich blicke zu ihr rüber und sehe eine junge, hübsche, erwachsen gewordene Frau und gleichzeitig das kleine Mädchen mit dem Pulli ihrer Schwester, die an ihren Matheaufgaben verzweifelt. Als das irisch klingende Lied grad über in die Bridge ging, fühlte ich Liebe und Stolz und dachte: das da ist meine Schwester! Mit ihr würd ich bis nach Panama fahren und hätt noch nicht genug!

Wenig später knalle ich die Beifahrertür zu und winke zum Abschied. Der Opel düst mit heulendem Motor die Strasse runter und ich öffne die Haustür… die summende Melodie von ‚True Colors‘ auf meinen Lippen.

ICH

Hast du heut‘ an dich gedacht? Und über dich selbst gelacht?

Hast dich im Spiegel betrachtet, Und dich dabei nicht verachtet?

Hast du dich angezogen, Und dich nicht mit ner kleineren Nummer betrogen?

Hast du dich ins Auto gesetzt, Und dich einmal nicht gehetzt.

Bist du im Blumenladen gewesen, Hast in Ruhe Zeitung gelesen?

Hast du dir heute Zeit geschenkt, Dein Fahrrad in Ruhe zum Café gelenkt?

Oder mit Jogginghose eine Runde gedreht, Mit einer Freundin gequatscht, die dich versteht?

Und hoffentlich lauten deine Antworten nicht nur ‚Nein‘! Das wäre ja zum Schrein‘!

Denn deine Beine tragen dich so weit, Du bist stets zum Helfen bereit.

Deine Taten und Worte verschenkst du jeden Tag, Weisst, was dein Lieblingsmensch mag.

Du weisst, wie Boss und Family ticken, Kannst hinter ihre Fassaden blicken!

Sieh nur wie wichtig du bist, Und dennoch stehst du zu unterst auf deiner List‘.

Drum bitte, sag es dir und verinnerlich, Ich hab dich lieb, mein tapferes ICH!

In jedem Augenblick

Fahrrad fahren. Unter rauschenden Bäumen liegen. Stundenlang in ein Lagerfeuer schauen. Der Duft von trocknender Haut nach dem Sprung in den See. Kirschen direkt vom Baum essen. In der Wiese liegen. Sich von Ameisen kitzeln lassen. Fahrrad fahren. Lieblingspullover hervorkramen. Durch Laubhaufen laufen. Die Wärme nach einem kalten Spaziergang. Kalte Hände an warmer Tasse. Dicke Wollsocken. Fahrrad fahren. Die ersten Schneeflocken. Kerzenlicht. Kinderlachen von draussen. Zusammen sein. Zusammen geniessen. Glitzernde Tannen am Wegrand. Stille. Fahrrad fahren. Blumen durchkämpfen die weisse Winterdecke. Sonnenlicht wärmt Gesicht. Durchatmen. Freude über Neues. Freude über Vergangenes. Aufräumen. Fahrrad fahren. Schüchterne Farben. Menschenstimmen erwachen in den Strassen. Kaffee wieder draussen trinken. Zwitschern am Morgen. Fahrrad fahren.

Tür

Und nun stehe ich vor deiner Tür, die nicht mehr die deine ist. Plötzlich kommen da die Erinnerungen hoch an das, was war und wie es jetzt sein könnte. Hab ich das weggeworfen oder wäre das sowieso verblasst? Gedanken waren in der Zeit seit damals mehr an Arbeit und Partner hängengeblieben, als an dir. Schade, oder? Und wahrscheinlich ging es dir genauso. So geht die Zeit ihren Weg und nimmt uns mit – meist in völlig andere Richtungen, als wir es uns ausgemalt haben. Doch das muss wohl so sein. Und es muss wohl so sein, dass man den Erinnerungen nachtrauert und wünscht, dass es noch genauso ist wie damals. Und doch bin ich glücklich mit dem hier, den Dingen und Menschen, die mich im aktuellen Jetzt begleiten. Sehr. Ich stehe immernoch vor deiner Tür, die nicht mehr die deine ist. Gerne würde ich die Klingel drücken, die nicht mehr deinen Namen trägt. Und würde hoffen, dass es doch dein Gesicht ist, dass mir entgegenschaut und lächelt. Doch das ist nicht so und du sitzt wohl gerade mit deinem Sohn am Küchentisch oder du verteilst bei der Arbeit gerade das Abendessen. Ich hoffe, egal, was du da draussen auch immer machst, dass es dir gutgeht und du von Herzen glücklich bist! Ich drehe mich weg von der Tür, die nicht mehr die deine ist. Und gehe zurück und hoffe, dass wir uns irgendwie irgendwann wiedersehen…

…und ich dann wieder weiss, wo deine Tür mit deiner Klingel ist.

Jazz

Hier. Ich steh in der Küche unsres Apartements in Island – wo wir unsere Quarantäne geniessen.

Da draussen ziehen die Wolken an uns vorbei und lassen uns zwischendurch hoffen, dass die Sonne doch noch ihren Weg zu uns schafft.

Hier in der Küche unsrer Unterkunft läuft Jazz – seit langer Zeit wieder. Tut gut.

Hier in unsrer Küche in Island merke ich, dass Jazz doch irgendwie dem Leben gleicht. Ein einziges Chaos und doch in sich stimmig. Jedes Instrument für sich allein und doch passt alles zusammen.

Hier in dieser Chaosmelodie möchte ich mitsummen, mitsingen, mitwippen… doch verliere ich immer wieder den Faden.

Hier im Leben möchte ich doch auch mitmachen, mitreden, mitlachen… doch verliere ich immer wieder den Faden.

Ist es denn für das geschaffen?

Muss ich lernen, wie es klingt oder funktioniert?

Oder darf ich auch einfach nur zuhören, den Einzelheiten lauschen und das Gesamte geniessen?

Hier in der Küche in Island …und ich höre Jazz.